Wege zu einer Spiritualität der Basileia
„Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen“ – mit dieser Vision beginnt Jesus sein öffentliches Wirken (vgl. Lk ). Er wendet sich von der Gerichtspredigt des Täufers ab und bezeugt, dass die Macht des Bösen jetzt gebrochen ist. Wie der Bote der Endzeit bei Jesaja verkündet er den Frieden und das Heil,bringt eine gute Nachricht und sagt zu Zion: Dein Gott ist König! (vgl. Jes 52,7).
Das „Reich Gottes“ (= die basileia tou theou) ist dann auch der Schlüsselbegriff seiner Verkündigung. Für Jesus bedeutet der „Anbruch der Königsherrschaft Gottes“, dass das Ende dieser Weltzeit, die Zukunft Gottes, schon jetzt beginnt. Jeder Augenblick enthält schon alles, worauf es endgültig ankommt – Exegeten sprechen von „präsentischer Eschatologie“ und rechnen sie zu den Merkmalen, die die Botschaft des historischen Jesus charakterisieren.
Für Jesus ist mit dem Anbruch der Gottesherrschaft auch die Zusage unverdienter Gnade verbunden. Und weil diese Zusage „immer schon jetzt“ gilt, verlieren alle Regeln und Vorschriften ihren Sinn, die die Zuwendung Gottes abhängig machen von der Erfüllung von Gesetzen und dem Nachweis religiöser Leistungen. Gerade für die Frommen und Gerechten ist das eine unerträgliche Provokation.
Die wütende Ablehnung, die Jesus bei ihnen hervorruft, wird noch dadurch gesteigert, dass Jesus aus dem Bewusstsein einer besonderen Gottesnähe handelt und für sein Wirken die Autorität Gottes in Anspruch nimmt.
Die Spiritualität der Basileia
Für die Entwicklung einer „Spiritualität der Basileia“ muss die Besonderheit der Evangelien beachtet werden: Der ursprüngliche „jesuanische Impuls“ wird in einer Vielfalt von Glaubenszeugnissen weitergetragen, uminterpretiert und umgedeutet. Die Autoren fühlen sich den Vorlagen, die sie vorfinden, verpflichtet, sehen sich aber auch dazu ermächtigt, das Traditionsgut weiter zu entwickeln und im Hinblick auf die Situation ihrer Gemeinde auszulegen.
Die exegetische Auseinandersetzung mit diesem Prozess der Überlieferung macht ernst damit, dass die Evangelien als „Gottes Wort im Menschenwort“ den Zugang zur Offenbarung ermöglichen; sie leitet aber auch dazu an, sich anhand des Glaubenszeugnisses der neutestamentlichen Autoren immer wieder auf die Suche nach dem jesuanischen Ursprung zu machen und aus diesem Impuls heraus zu eigenen Erfahrungen mit der Botschaft Jesu zu kommen.
Daher wird hier bei der Suche nach einer „Spiritualität der Basileia“ auf die Textfassungen Bezug genommen, die die neutestamentlichen Autoren ursprünglich vorgefunden haben. Den Interpretationsrahmen bildet dabei die Botschaft vom Reich Gottes, die den Menschen als das Ereignis der Liebe Gottes und der von ihm zugesagten Freiheit sieht. Und zugleich wird Gott auf diese Weise mitten ins Leben gerückt und bleibt doch der Unverfügbare, der sich jeder theoretischen Festlegung und jeder missbräulichen Inanspruchnahme entzieht. Das Reich Gottes ist eben nicht „hier oder dort“, sondern ereignet sich „mitten unter uns“ (vgl. Lk 17,21). Der Botschaft von der Basileia kommt damit auch für das Sprechen von Gott eine „Signal-Funktion“ zu: Die Rede ist von einem Gott, der sich „ereignet“, der eingesehen und durch seine Wirkung erkannt werden kann, der sich aber nicht als Teil
dieser Wirklichkeit festlegen lässt.