Wege zu einer Spiritualität der Basileia
Am Anfang steht ein Versprechen, das Jesaja dem Volk Israel gibt: Ihr könnt auf eine Macht vertrauen, die den Tod und das Leid besiegt; die die Gewalt und das Unrecht in die Schranken weist, den Armen und Hilflosen zur Seite steht und alle Tränen trocknet (1). Das Wirken Jesu beginnt mit einer Vision: Er sieht den Satan „wie einen Blitz vom Himmel fallen“ (2) – und das bedeutet für ihn: Jetzt ist das Entscheidende geschehen! In der Überzeugung, dass Gott jetzt seine Herrschaft der Liebe und der Erlösung durchsetzen wird, treibt Jesus „mit dem Finger Gottes“ Dämonen aus, verkündet das Ende der Trauer und sagt zu Zion wie der Bote der Endzeit bei Jesaja: „Dein Gott ist König!“.
Das „Reich Gottes“ (= die Basileia) ist der Schlüsselbegriff der Verkündigung Jesu. Für Jesus zeigt sich in der Basileia das Wirken Gottes, das jetzt beginnt und eine „neue Schöpfung“ zum Ziel hat. Er bezeichnet eine Wirklichkeit, die schon jetzt erfahrbar ist und dennoch über sich hinausweist. Der Gott, von dem auf diese Weise die Rede ist, ist „gegenwärtig“ und mitten im Leben „wirksam“ – weil schon jetzt deutlich wird, wie sich alles verändert, wenn man sich der von Gott bewirkten Dynamik überlässt. Zugleich ist Jesus wohl davon ausgegangen, dass das „Ende dieser Welt“ und der damit verbundene sichtbare Anbruch der „Königsherrschaft Gottes“ in der nahen Zukunft bevorsteht. Im Unterscheid aber zu den Predigern der Apokalypse geht es Jesus nicht um ein Geheimwissen um Zeiten, Fristen und um die Furcht vor dem drohenden Gericht. Entscheidend ist für ihn der Augenblick, der im Vorgriff auf die vollendete Basileia schon jetzt das Reich Gottes wirksam werden lässt und offen ist für die Zukunft Gottes.
Als Bote der Basileia hat Jesus hat diese Botschaft nicht nur verkündet, sondern in der Begegnung mit den Menschen erfahrbar werden lassen. Die Texte des NTs, die zum Ausdruck bringen wollen, wer Jesus ist und welche Bedeutung er hat, verwenden verschiedene Titel, um die Hoheit des nach-österlichen Christus darzustellen. Wenn der Kern dieser Erzählungen aber auf Erfahrungen beruht, die Menschen mit Jesus gemacht haben, so geht es darin ursprünglich um die Basileia, die durch Jesus erfahrbar wird. Im Vordergrund steht dann nicht die Hoheit und Gottheit Jesu, sondern die Hoheit jedes Menschen und die Nähe zu Gott, die jedem Menschen in der Perspektive der Basileia zukommt.
Die Botschaft, die der „Mensch Jesus“ verkündet hat, wurde nach seinem Tod sehr schnell vom Bekenntnis überlagert, dass Jesus der „Sohn Gottes“ ist: Seine befreiende Erfahrung, dass Gott als Gott der Basileia „ganz anders“ ist als es die Menschen befürchten und die Priester verkünden, wird schon von den ersten Überlieferungsgruppen neu gedeutet und den unterschiedlichen Strukturen angepasst. Neben den – durchaus „jesuanischen“ – Freiheitsimpulsen, die Paulus in seinen Briefen vertritt (1), steht z.B. die Gerichtspredigt der Q-Gruppe, das „Heulen und Zähneknirschen“ des Matthäus und das exklusive Erwählungsbewusstsein des Johannes-Evangeliums (2). Und dennoch finden sich – trotz aller Anpassungen und aller Versuche, die Brisanz der Botschaft Jesu abzuschwächen – in den neutestamentlichen Texten viele Impulse, die auf die Verkündigung Jesu zurückgehen (4).
Die Spiritualität der Basileia
Der Gott, den Jesus verkündet, ermöglicht Leben und Freiheit. Er wird die Macht des Todes brechen und die Herrschaft von Gewalt, Unrecht und Leid beenden. Im Vorgriff auf die Vollendung
dieser „neuen Schöpfung“, ermutigt Jesus dazu, schon jetzt mit diesem „neue Leben der Basileia“ ernst zu machen. Er setzt dabei auf die Kraft der „Imagination“ und auf die „Mystik des Als-ob“ (2): Lebe doch so, als ob du nichts zu verlieren, als ob du alles zu gewinnen hättest! Gehe mit deiner Angst so um, als ob dir im Letzten nichts wirklich schaden könnte! Und: Begegne den Menschen so, als ob sich in jeder Begegnung das „Reich Gottes“ ereignen könnte!
Die „neue Welt“ der Bergpredigt
In der Bergpredigt fasst Mathäus zentrale Inhalte der Botschaft Jesu zusammen, ergänzt sie durch eigene Zusätze und Interpretationen und lässt Jesus so eine „bessere Gerechtigkeit“ verkünden, die die Weisungen der Tora durch ihren radikalen Anspruch übertrifft (vgl. Mt 5,21ff). Jesus war davon überzeugt, dass das Reich Gottes die bisher geltenden Regeln überwindet. Daher stellt er sich mit prophetischer Autorität nicht nur – wie es Matthäus versteht – gegen das Gesetz des Mose, sondern ganz grundsätzlich gegen eine Religion der Vorschriften und Gesetze. Natürlich gilt weiterhin das Verbot des Tötens, des Ehebruchs und des Meineids. Der Basileia entspricht aber ganz grundsätzlich eine Haltung des Wohlwollens und der Güte. Und der Wille Gottes wird nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes entsprochen, sondern in der konkreten Situation. Es ist das Kennzeichen der Basileia, dass sich Menschen mit der Liebe begegnen wie Gott sie den Menschen entgegenbringt, und das Gewalt Verrat und Täuschung dort keinen Platz haben.
Wenn Jesus das Verbot des Tötens auf das Zürnen ausdehnt, so durchbricht er damit das gesetzliche Denken, um Raum zu schaffen für eine Verantwortung, die über rechtliche Regelungen hinausgeht. Matthäus, der den ursprünglichen Text mit weiteren Sonderfällen der Beleidigung und der damit verbundenen Sanktionen ergänzt, hat diese Intention Jesu nicht verstanden. Der Absicht Jesu wird er aber dadurch gerecht, dass er das Wort Jesu von der Opfergabe anfügt (vgl. Mt 5,23). Es zählt die innere Haltung, nicht die formale Erfüllung von Vorschriften. Der kultische Glaubensvollzug ist sinnlos, wenn der Mitmensch dabei übersehen wird.
Das „Gebot“ der Feindesliebe
Für Jesus ist jeder Mensch getragen von der Liebe Gottes und durch sie zu einem freien und solidarischen Leben berufen: Je freier Menschen leben können und je entschiedener sie füreinander einstehen, desto „konkreter“ wird diese Wirklichkeit und desto näher ist die Basileia. Die „Gottesherrschaft“ ist der Augenblick, in dem die Welt so erscheint, wie sie von Gott gedacht ist.
Der Mensch, der mir als „Feind“ begegnet, wird daher zum Ernstfall der Gottesherrschaft: Jesus plädiert dafür, auch den Feind als „Potential“ der Wirklichkeit Gottes zu sehen. Das Verhalten ihm gegenüber soll nicht von seiner Aggression, sondern davon bestimmt sein, wie sein Verhältnis zu uns unter den Bedingungen der Basileia wäre.
Ursprünglich ist damit kein Gebot und keine Handlungsanweisung verbunden. Die Aufforderung den Feind „zu lieben“ passt vielmehr sehr gut zu der von Jesus bevorzugten paradoxen Redeweise, die die aktuelle Situation mit der Ansage der Gottesherrschaft in Kontrast bringt und diese – zumindest potentiell – verändern kann.
Die Selig-Preisungen
Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes ist eine ständige Provokation: Sie rüttelt an allen Selbstverständlichkeiten, sie stellt Denkgewohnheiten und bequeme Überzeugungen in Frage und konfrontiert mit einem Gott, der immer wieder neu entdeckt werden muss. Schon die Verfasser der Evangelien haben manche Aussagen aus der Tradition nicht mehr verstanden oder bewusst uminterpretiert und sie für ihre Adressaten umgeformt … Gerade solche Überarbeitung weisen auf die ursprüngliche Brisanz hin und bieten die Chance, der ursprünglichen Botschaft Jesu wieder auf die Spur zu kommen.
Die Textfassung, die mit hoher Wahrscheinlichkeit dem historischen Jesus zuzuordnen ist, hat die Form:
Selig die Armen, denn ihnen gehört das Reich Gottes!
Selig die Hungernden, denn sie werden satt werden!
Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden!
Die Änderungen, die Matthäus und Lukas am ursprünglichen Text vornehmen, stehen beispielhaft für die „Auswege“, die „Frömmigkeit“ und „Theologie“ gerne nutzen:
* Spiritualisierung
Die Armut der Menschen, denen nur noch das Betteln bleibt, wird von Matthäus als Ausdruck einer besonderen Gottesnähe und als Beweis einer achtenswerten Spiritualität bewertet. „Arm-Sein vor Gott“ wird – auch im Anschluss an alttestamentliche Vorstellungen – als Lebenshaltung gesehen, die sich ganz auf Gott verlässt und allein aus dem Vertrauen auf Gott lebt.
* Stärkung der Gruppenidentität
„Selig ihr Armen“ – Lukas, in dessen Gemeinde der Gegensatz von reichen und armen Mitgliedern ein ständiges Thema ist, benutzt die Seligpreisung, um den Zusammenhalt der Gruppe zu festigen: Er erinnert die „Armen“ daran, welches Glück es ist für sie ist, zur Gemeinde zu gehören; und er ermahnt die Reichen, sich der Armen in der Gemeinde anzunehmen, weil sie von Gott bevorzugt und der „Prüfstein“ für das Reich Gottes sind.
In der ursprünglichen Form der Seligpreisungen richtet sich Jesus aber gerade nicht an die Betroffenen oder an seine Jünger: Für die Reichen, Satten und Zufriedenen wird Gott als der verkündet, der ohne Vorbedingungen und Einschränkungen auf der Seite der Armen, Hungernden und Trauernden steht.
Für die „Armen“ bedeutet dies: Eure Not hätte ein Ende, wenn sich alle an dem orientieren würden, was dem Willen Gottes,entspricht. Armut ist keine göttliche „Auszeichnung“, aber auch keine Strafe, sondern eine Folge von ungerechten Strukturen und dem Versagen der Mitmenschlichkeit.
Den „Reichen“ soll bewusst werden, dass sich Gott nicht durch fromme Gelehrsamkeit, Gesetzestreue und Rituale manipulieren lässt. Der Gott, dessen Wahrheit sich in der Basileia ereignet, lässt sich nicht „in den Griff bekommen“. Er bindet sich und die Menschen an konkrete Situationen. Ob der Augenblick mit der Basileia „zu tun hat“, entscheidet sich jeweils im Augenblick. Es kommt darauf an, sich irritieren und herausrufen zu lassen – durch die Not des anderen, aber auch durch jede Begegnung und durch jede Erfahrung, die mir deutlich macht, dass mein Leben nicht für sich allein steht.
Auch für die Theologie ergibt sich daraus eine paradoxe Situation: Jede Aussage über Gott, die ihn beschreibt, festlegt und abgrenzt verwendet schon eine Sprache, die der Basileia widerspricht. So müsste die theologische Rede ein Sprechen sein, das „Raum schafft“, und Platz lässt … in der Art, wie Jesus von Gott redet, entsteht immer diese „Lücke“, die die Zuhörer dazu motiviert, das Fehlende zu ergänzen, die Einsicht zuzulassen und den „Sprung“ zu riskieren, der die Wirklichkeit Gottes erahnen lässt.
Die Botschaft der Gleichnisse
Um für den Gott zu werben, der ohne jede Einschränkung auf der Seite des Lebens steht, verwendet Jesus keine Lehrsätze oder Glaubensformeln, sondern er erzählt einfache Geschichten, die auf den ersten Blick sehr vertraut wirken, die aber immer an den Punkt führen, der eine Entscheidung verlangt. Das „Selbstverständliche“ wird durch die Herausforderung des „größeren Vertrauens“ in Frage gestellt und mit dem Versprechen des „neuen Lebens“ der Basileia konfrontiert. Von Gott ist dabei immer nur indirekt die Rede; denn der Gott, von dem Jesus erzählt, wird dann erkennbar, wenn man sich auf sein Wirken einlässt.
Die Basileia ereignet sich, wenn sich Menschen auf den Gott einlassen, den Jesus verkündet hat
Jesus fordert dazu auf, sich vorbehaltlos auf Gott einzulassen: Für den, der die Basileia Gottes erfahren hat, zählt nur noch diese Erfahrung: Der „Schatz“ im Acker muss „um jeden Preis“ erworben werden (auch wenn er – bevor der Acker gekauft werden kann – zuerst wieder vergraben werden muss!); und alle „schönen Perlen“ sind auf einmal nichts mehr wert, wenn es darum geht, die einzigartig wertvolle Perle zu besitzen (vgl. Mt 13,44f). – Das „Unbedingte-Haben-wollen“ und die gezielt eingesetzte List sollen hier deutlich machen, dass es für den, der die Basileia erkannt hat, nichts Wichtigeres mehr gibt.
Bei den Gleichnissen, die mit Aussaat, Wachstum und Ernte zu tun haben, geht es weniger energisch zu: Beim „Gleichnis vom Sämann“ könnte man sich höchstens wundern, wie nachlässig hier mit den in Palästina so wertvollen Samenkörnern umgegangen wird: Sie fallen auf den Weg und werden zertreten oder von den Vögeln gefressen, sie fallen auf Felsen und verdorren, sie fallen unter die Dornen und werden erstickt. Ein Teil aber fällt auf guten Boden und bringt „hundertfache Frucht“(vgl. Lk 8, 5-8 par). – Diese kurze Geschichte rechnet mit dem Ärger, der Empörung und der Sorge der Zuhörer. Und sie werden durch die Botschaft überrascht: Ganz gleich wie es aussieht, es geht im Letzten gut aus! Weil es den „guten Boden“ gibt, steht das „gute Ende“ jetzt schon fest; es ist nicht nötig, sich um das verlorene Saatgut zu grämen, Angst vor der Zukunft zu haben oder vor lauter Sorge gar nicht mit der Aussaat zu beginnen. Die „Zukunft Gottes“ beginnt dort, wo ich auf „hundertfache Frucht“ vertraue -auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht danach aussieht.
Ebenfalls auf die Zuversicht – und den Kontrast zwischen unscheinbaren Voraussetzungen und der Dynamik der Basileia – zielen die Gleichnisse vom „Senfkorn“ (Mt 13,31f) und von der „selbstwachsenden Saat“ (Mk 4,26ff): Aus dem kleinsten Samen wird der größte Baum; mit der Aussaat ist schon alles getan, die Erde bringt selbst die Frucht hervor: Manchmal genügt es, mit offenen Augen und viel Gelassenheit durch die Welt zu gehen; die Basileia ist auch unauffällig und unscheinbar am Werk und es ist eine Form des Vertrauens, ihr Wirken einfach geschehen zu lassen.
Bei den Gleichnissen von der „Suche nach dem Verlorenen“ geht es ursprünglich nicht – wie es Lukas nahelegt – um den „Sünder, der umkehrt“: Die Mahlgemeinschaft Jesu mit den „Zöllnern und Sündern“ ist gerade nicht an irgendwelche Bedingungen gebunden und spiegelt gerade darin die vorbehaltlose Liebe des Gottes, den Jesus verkündet. Die Gleichnisse fordern vielmehr dazu auf, sich auf die Suche nach diesem Gott der Basileia zu machen und mehr zu finden, als man bisher erwartet hat.
Neunundneunzig Schafe werden vernachlässigt, um ein einziges wieder zu finden; neun Drachmen sind nichts wert, wenn auch nur eine fehlt … der Vergleichspunkt scheint mir in der Umkehr der Prioritäten und im unbedingten Eifer, im kompromisslosen Einsatz beim Suchen zu liegen: wenn schon ein einziges Schaf die restliche Herde relativiert, wenn das Fehlen einer Münze wichtiger ist als die neun vorhandenen Münzen … um wie viel mehr lohnt es sich dann, sich durch die Erfahrung der Basileia die Welt „auf den Kopf stellen zu lassen“ und im Vertrauen auf die unbedingte Liebe Gottes zu leben.